«Nur fachübergreifend entsteht ein echtes Verständnis des Gesundheitswesens»
Dr. med. Yvonne Hummel ist Vertrauensärztin beim RVK und bringt einen aussergewöhnlich breiten Erfahrungsschatz mit: Als ehemalige Kantonsärztin und leitende Vertrauensärztin kennt sie das Schweizer Gesundheitswesen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. An der Fachtagung Recht & Medizin vom 6. Mai 2026 im Grand Casino Luzern referiert sie über Gatekeeping und die WZW-Kriterien bei Mehrfachkonsultationen. Im Interview spricht sie über die Komplexität ihres Alltags, die Bedeutung interdisziplinären Austauschs – und darüber, warum rechtliches und medizinisches Wissen im Gesundheitswesen untrennbar zusammengehören.
Yvonne, du bringst Erfahrung als Kantonsärztin und leitende Vertrauensärztin mit. Wie bereichern diese unterschiedlichen Blickwinkel deine heutige Arbeit als Vertrauensärztin beim RVK?
Als Vertrauensärztin arbeitet man im Spannungsfeld zwischen behandelnder Ärzteschaft, Versicherungsnehmenden und Versicherern. Dabei gilt es, alle relevanten Aspekte der betroffenen Parteien sachlich, objektiv und verhältnismässig zu berücksichtigen.
Meine Berufserfahrung als ehemals klinisch tätige Ärztin, Kantonsärztin und leitende Vertrauensärztin hilft mir, die relevanten Sachverhalte, Streitpunkte und Zuständigkeiten zu erkennen – etwa die Abgrenzungen zwischen Kostenträger. Ist der KVG-Versicherer oder der Unfallversicherer zuständig? Was bedeutet die Spitalliste für die OKP-Pflicht im Einzelfall? Bei welchen Fragestellungen ist der Kanton zuständig, wo der Versicherer? Dazu profitiere ich von einem breiten Netzwerk bei Versicherern und Behörden, das ich über viele Berufsjahre aufgebaut habe.
Du wirst am 6. Mai 2026 über Gatekeeping und die WZW-Kriterien bei Mehrfachkonsultationen referieren. Warum ist dieses Thema gerade jetzt so relevant für die Praxis?
Die WZW-Kriterien sind im ärztlichen Alltag stets relevant. Grundsätzlich vergütet die OKP nur medizinische Leistungen, die wirksam, zweckmässig – also medizinisch indiziert – und wirtschaftlich sind, das heisst die günstigste Option bei gleichwertigen Behandlungsalternativen.
Das Thema Gatekeeping ist derzeit besonders aktuell, da sich die Gatekeeping-Modelle zwar etabliert haben, in der Umsetzung aber immer wieder Fragen offenbleiben: Welche Rechte und Pflichten haben Arzt und Patient im Gatekeeping-Modell? Welche Sanktionen drohen bei Pflichtverletzungen, etwa bei häufigen Arztkonsultationen auf eigene Initiative? Was bedeutet «Doctor Hopping», und wie lässt es sich verhindern?
«Die Fachtagung «Recht & Medizin» verbindet juristisches mit medizinischem Fachwissen, um wichtige Fälle aus dem Krankenversicherungsrecht besser zu verstehen. Der damit verbundene interdisziplinäre Austausch liefert wertvolle Impulse für den Berufsalltag.»
Dr. iur. Dario Picecchi
Rechtsanwalt und Lehrbeauftragter
Die Fachtagung bringt juristische und medizinische Perspektiven zusammen. Warum ist dieser interdisziplinäre Austausch für die tägliche Arbeit in Versicherungen so wichtig?
Es ist entscheidend, dass Ärztinnen und Ärzte die rechtlichen Aspekte im Gesundheitswesen kennen und dass die juristischen Fachleute medizinisches Fachwissen aufbauen. Nur so entsteht ein echtes Verständnis für die Versicherungslandschaft im Gesundheitswesen – ob KVG, UVG, IV oder Taggeldversicherung.
Die Ärztinnen und Ärzte sind einerseits verpflichtet, die Menschen, die sie betreuen, medizinisch optimal zu behandeln, andererseits aber auch, sie über die Kostenfolgen einer Behandlung aufzuklären. Deshalb sind fundierte Kenntnisse des Gesundheitswesens – mit seinen Zuständigkeiten, regulatorischen Vorgaben des BAG und rechtlichen Rahmenbedingungen – für Ärzte und Ärztinnen unverzichtbar. Ein gegenseitiger Austausch, wie er an dieser Fachtagung stattfindet, ist daher sehr bereichernd und hilft, die Zusammenhänge besser zu verstehen.
Was erwartest du von der Fachtagung Recht & Medizin am 6. Mai 2026 im Grand Casino Luzern, sowohl persönlich als auch in deiner Rolle als Referentin, im Austausch mit dem Publikum?
An der Fachtagung werden Fachleute aus den unterschiedlichsten Bereichen des Gesundheitswesens zusammenkommen. Ich freue mich sehr auf den fachlichen Austausch, lebhafte Diskussionen und viele neue Kontakte.
Zum Abschluss wird Dr. med. Herbert Bosshart als Präsident der Schweizerischen Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte (SGV) über die brennenden Themen aus Sicht der Vertrauensärzte und -ärztinnen referieren. Was sind aus deiner Sicht derzeit die grössten Herausforderungen im KVG?
Die grössten Herausforderungen liegen erstens in der hohen regulatorischen Dichte mit zunehmender Komplexität – sowohl auf Seite der Leistungserbringer als auch der Versicherer, beispielsweise bei Artikel 71a-d KVV, zweitens in den notwendigen politischen Entscheidungen zur Kostenentwicklung im Gesundheitswesen. Dabei wären gesellschaftliche und politische Diskussionen über den Leistungskatalog und den medizinischen Nutzen dringend nötig.
Auf das Referat von Dr. med. Herbert Bossart freue ich mich sehr – und bin gespannt, was er dazu zu sagen hat.
Vielen Dank für das Gespräch, Yvonne.
Doris Durrer, Fachspezialistin Unternehmenskommunikation
041 417 05 73, d.durrer@rvk.ch
Impressionen:
Fachtagung Recht & Medizin 2025